Flucht vor der Realität / Wie viel  Realität ist ertragbar ?

Wie viel Realität kann ein Mensch, ich, ertragen oder besser wie viel bin ich bereit zu ertragen und auszuhalten? Früher als ich in der Psychiatrie mit "Giftlern" ( Giftler= Umgangssprachlich für Süchtigen) zusammen war, haben mich Sätze wie : " man muss dem Körper geben was er braucht" "ohne geht's einfach nicht" oder " das Leben ist nüchtern nicht zu ertragen" abgestoßen. Eigentlich machen sie das auch Heute noch. Je mehr ich darüber nachdenke desto einleuchtender wird das ganze, besonders der letzte Satz " nüchtern ist das Leben nicht zu ertragen".

Jeder der es abstoßend findet sich mit der Sucht auseinander zu setzen oder sich gar mit  den Menschen, mit dem Schicksal, das hinter dem "Giftler" steht, zu befassen, sollte genauer darüber nachdenken was Sucht ist. Ein Junky beim Bahnhof wird gerne als menschlicher Abfall  gesehen, der brave Familienvater der Sturz betrunken am Wochenende nach Hause kommt und Frau und Kinder verprügelt und dann Sonntags in die Kirche geht gilt oft als leuchtendes Vorbild unserer Gesellschaft.
Unlängst als ich wieder wegen eines "Rückfalls" beim Arzt war wurden mir wieder Beruhigungsmittel vom Typ der Benzodiazepiene verschrieben. Medikamente die eigentlich gerne von "Giftlern" genommen werden. Ich wollte nie wieder diesen Medikamenten Typ nehmen. Die Erfahrungen der Vergangenheit wurden wieder wach. Wo ich im mehrere Tage andauernden Entzug, schwitzend und frierend zugleich, die Nächte durchwachte. Dies nicht etwa aufgrund von (Haus)Ärztlicher Inkompetenz sondern auf Grund von der verschreibungs- Wut von Assistenzärzten in der Psychiatrie wo ich mich gegen die Medikamente nicht erwehren konnte!  "Es gibt nichts anderes dagegen" teilte mir der Arzt daraufhin mit und drückte mir das Medikament in die Hand. Widerwillig schluckte ich die Tropfen und langsam machte sich der Schleier vor meinem Geist breit und irgendwann wurde es mir egal. Egal sogar das ich nicht einmal die, eigentlich, lächerliche Summe schnöden Geldes für ein Gewehr aufbringen kann. Ja selbst der eigene Tod kostet was! Doch die Egalität reichte mir noch nicht. Der Nebel über meinen Verstand stoppte die Gedanken nicht genügend auch nach der doppelten Dosis nicht. Wenn die "Soße" fürs Gehirn ausreichend sein soll so müssen noch andere, stärkere, Medikamente her halten. Um sich "wegzuknallen" muss auch noch Alkohol dazu kommen. Das Gefühl der leere im Kopf diese Egalität der eigenen Existenz verlangt nach mehr, bis es endlich soweit ist und ich "weg dämmere" in einen tiefen und vor allem traumlosen Schlaf.
Nur der "Hang over" am nächsten Tag erinnert an die kurze Gleichgültigkeit des letzten Abends. Eigentlich hasse ich jedwelche Art von Medikamenten und selbst Alkohol. Auch kenne ich meine Grenzen, weis was der Körper verträgt und was ihn auf die Intensivstation bringt. Doch das Gefühl für kurze Zeit "Ruhe" zu haben, Ruhe vor sich selbst, den eigenen Gedanken, und als "Draufgabe"  der tiefe traumlose Schlaf, macht den Ekel vor den Süchtig machenden Chemikalien, gelegentlich, unerheblich. Die Verlockung, eines Tages, dann auch nicht mehr auf zu wachen, in diesem Nebel der Egalität einfach weg zu dämmern um nie wieder in der Realität zu erwachen ist das "Sahnehäubchen" des Ganzen.
Niemand möchte ich empfehlen dies nach zu machen. Auch sei das Risiko einer Gehirnschwellung nebst bleibenden Gehirnschaden und chronischem dahin Vegetierens genannt. Über mich wurde gesagt das ich den Tod nicht fürchte, auch wurde mir gelegentlich gesagt das ich nicht alt werde. Das Risiko meines gelegentlichen "Wegknallens" ist durchaus bewusst und eigentlich rechne ich auch fest damit. Es sei aber auch gesagt das mich dieses gelegentliche "wegknallen", irgendwie, am Leben hält. Wenn die "Soße" fürs Gehirn wirkt ist mir sogar dieses Leben gleichgültig und der Tod ist das einzig gewisse im Leben.