Ein "normaler" Tag

Wieder ein neuer Tag. Wieder 24 Stunden die es gilt irgendwie tot zu schlagen.
Jeder der so genanten “ normalen “ Leute freut sich wen er morgens aufwacht. Er
nicht, kaum sind die Augen geöffnet kommen dieselben Gedanken wieder auf. Warum
aufstehen? Wie den Tag verbringen? Die Decke über den Kopf gezogen versucht er
wieder einzuschlafen. Schlafen die einzige Möglichkeit den trostlosen Tag
irgendwie zu entrinnen. Erholung ist der Schlaf schon lange nicht mehr, ständig
wacht er Nachts auf, nass geschwitzt, üble geträumt und doch ist es besser
als den Tag damit zu verbringen über die Sinnlosigkeit seiner Existenz
nachzudenken.
Er kann nicht wieder einschlafen, versucht sich irgendwie aus dem Bett hoch zu
ziehen, es ist bereits Mittag. Schuldgefühle kommen auf, warum soviel Zeit mit
schlafen verbringen wo doch soviel zu erledigen währe? Die Zeit verstreicht,
eine halbe Stunde ist vergangen eher er wirklich aufgestanden ist. Schleppend
sein gang in die Küche, ich sollte mal aufräumen, denkt er bei sich als er die
Unordnung entdeckt. Er nimmt eine Kaffeetasse zur Hand die er seit Tagen immer
wieder benutzt. Der Kaffe hat die weise Tasse längst in eine unappetitliche
dreckig braune Farbe getaucht. 2 gehäufte Löffel Löskaffee sind schnell mit
kochendem Wasser übergossen, etwas Milch dazu, eine Zigarette gedreht und sein
Frühstück war fertig. Bis der Tag zu Ende geht wird er dieses Frühstück noch
zigmal wiederholt haben. Das Radio wird angestellt, egal welche Musik Hauptsache
laut. Fast scheint es so als ob die Musik nur den Zweck erfüllen sollte seine
Gedanken zu übertönen. Die Zeitung liegt auf dem Tisch, seine Freundin hatte sie
liegen lassen als sie zur
Arbeit fuhr. Arbeit, früher ging er gerne zur Arbeit,
er hatte eine “ Aufgabe” verdiente Geld. Sicher nicht viel aber für ein “
normales “ Leben reichte es. Eines Tages, er war mal wieder krankgeschrieben,
nahm er die Post zur Hand zwischen einem Prospekt von irgendeinem Baumarkt und
einem Flugzettel der ein Dorffest ankündigte war ein Brief seiner Firma. Ein
Anruf den er vor ein paar Tagen erhielt drängte sich in seine Gedanken. Der
Betriebsrat hatte ihm mitgeteilt dass er zur Kündigung vorgeschlagen worden war.
Der Betriebsrat wollte nur kurz wissen ob er dagegen Einspruch erheben sollte.
Natürlich wollte er das tun, die Arbeit war nicht gerade das was er gerne tat
aber er wurde dafür bezahlt und konnte so seiner Familie eines gewissen
Lebensstandard bieten. Das Gespräch war schnell zu Ende der Betriebsrat versprach
das er alles in seiner Macht mögliche unternehmen würde...... Das war das letzte
das er jemals von ihm gehört hatte. Der Brief, schnell aufgerissen, formlos,
zwei Zeilen “ hiermit kündigen wir ihr Dienstverhältnis ... “ keine Begründung,
kein Wort des bedauern nichts. Ein Formbrief in dem nur der Name des
betreffenden eingesetzt werden musste . Die letzten Tage an seinem Arbeitsplatz
wahren kühl, Vorgesetzte gingen ihm aus dem Weg, lehnten jede Verantwortung ab
konnten keinen Grund für die Kündigung nennen. Niemand schien dafür
verantwortlich alle taten überrascht konnten es sich nicht erklären ...das es so
nicht stimmen konnte wusste er, aber was soll’s. Er hatte über den Sommer
schnell eine neue Arbeit gefunden..... Der Sommer war schnell vorbei. Seine
Nerven wurden immer dünner, jede Kleinigkeit reichte schon bald aus um
cholerisch zu werden. Der gang aufs Arbeitsamt . Irgendwie entwürdigend, er
fühlte sich wie ein Bittsteller als ob er betteln gehen müsste.
In der Zeitung stand nichts Neues. Zumindest nichts was ihn interessierte. Die
Stellenanzeigen lies er gleich ganz aus. Irgendwie konnte er den Gedanken nicht
verkraften sich wieder aus dem Haus zu trauen, mit anderen Menschen Kontakt
haben zu müssen. Mit Menschen die anscheinend keine andere Sorgen zu haben
schienen als wer was über wen getratscht hatte, was am Vortag im Fernsehen
gelaufen war, Small Talk eben. Es erschien ihm zu profan, zu sinnlos. Gespräche
haben ihn schon immer angewidert. Irgendwie konnte er nie mitreden stand meist
abseits von den anderen für sich alleine und wollte seine Ruhe. Die Zeitung auf
die Seite gelegt lauschte er dem Radio. Ein Sender der kaum Nachrichten brachte
. Die Welt da draußen interessierte ihn kaum noch. Der Kaffe war kalt geworden
mit großen schlucken wurde er geleert. Die Tasse sah immer ekeliger aus,
trotzdem füllte er sie wieder. Die nächste Zigarette . Er blickte leer vor sich
hin, der Kopf gesenkt. Er war müde nur müde wovon? Wieder Schuldgefühle, er
blickte sich in der Wohnung um, die Bilder an der wand zeigten seinen Sohn wie
er gerade seine ersten eigenen Schritte macht. Wieder macht sich ein schlechtes
gewissen breit, wie soll er für ihn sorgen wenn er den ganzen tag herumsitzt,
kein Geld verdient? Er versucht sich abzulenken, schaltet den Fernseher ein zappt sich durch die Programme, nichts was ihn in irgendeiner weise
interessieren könnte. Genervt schaltet er den Apparat aus und macht das Radio
wieder an. Er versucht zu lesen, er hat früher gerne gelesen, er “ lebte “ in
den Büchern. Marry Shelly hat es ihm angetan. Frankenstein . Er fühlte sich wie
jenes Monster, alleine, unverstanden, niemand mit dem er seine Zeit verbringen
konnte, niemand der seine Fragen beantworten konnte, verlassen ausgestoßen
unverstanden. Genau wie jenes Monster konnte er nichts für seine Existenz, und
wie jenes Monster hatte er versucht sich irgendwie mit dem Leben, das er nie
wollte, zu arrangieren, ohne großen Erfolg. Er beneidete sogar das Monster das
es die Courrage aufgebracht hat sich selbst zu töten.

Die Zeit verging ohne das er was getan hätte, die Unordnung in der Wohnung, die
zu beseitigen er seiner Freundin versprochen hatte, hat sich im laufe des
Nachmittags weiter ausgebreitet. Wieder wurde sein Gewissen belastet immerhin
ging sie zur Arbeit und er wahr zu Hause. Warum nur konnte er die einfachsten
Dinge nicht mehr erledigen. Alles schob er hinaus bis es zu spät war. Er legte
sich auf sein Sofa schloss die Augen und versuchte irgendwie seine Gedanken zu
ordnen. Gedanken an den Tod mischten sich mit Schuldgefühlen darüber das er
überhaupt daran dachte. Sein Sohn viel ihm ein der ohne Vater aufwachsen müsste,
seine Freundin wie würde sie darauf reagieren. Verzweiflung machte sich breit.
Wie weitermachen und wozu überhaupt. Wie mit anderen zusammen arbeiten wenn
er jeden Kontakt mit andern hasste? Wie die längst überfälligen Rechnungen
bezahlen? Der Gedanke an Heimarbeit oder so was ähnliches kam in ihm hoch. Er
stellte sich vor wie es währe zu Hause arbeiten zu können, er nahm die Zeitung
zur Hand, las mit gemischten Gefühlen die Stellenangebote, Hilfsarbeiter gesucht
von Leasing Firmen, usw. Endlich ein passendes Inserat er las es genauer durch.
Heimarbeit zu vergeben .. Eine seltsam lange Telefonnummer darunter klein
gedruckt, kaum lesbar, die kosten die das Telefongespräch verursacht. Eine
kostenpflichtige Telefonnummer . Er hatte schon einiges im Zusammenhang mit
solchen Stellenanzeigen gehört, nur gutes eben nicht. Die nächste Seite endliche
eine wo er nichts für einen Anruf bezahlen müsste. Am Telefon nur ein Tonband,
man solle seine Adresse und Telefonnummer bekannt geben, danach ein kurzer
hinweise das wen man genauere Informationen haben wolle man eine andere
Telefonnummer anrufen müsse. Darauf folgt wieder ein hinwies das die
Telefonnummer kostenpflichtig währe. Er legte frustriert auf und nahm wieder die
Zeitung zur Hand. Schließlich war es Samstag und an diesem Tag erschienen die
meisten Anzeigen. Noch eine Tel. Nummer rausgesucht und angerufen. Dort erfuhr
er das er bei der Firma die “ Einzelteile “ kaufen müsste sie zusammenbauen
müsse und sie dann selbst weiterverkaufen müsste. Er fand die Idee super für
Arbeit Geld zu bezahlen das er nicht hatte und sich dann auch noch mit anderen
Menschen anfreunden müsse um das Zeug überhaupt los zu werden. Er legte sich auf
sein Sofa, stellte das Radio wieder an. Schloss die Augen und fing an sich
vorzustellen wie es wohl währe wen er erst Tod ist. Sein Sohn weckte ihn auf als
er mit seiner Freundin abends nach Hause kam. Der kleine wurde tagsüber bei
seiner Schwiegermutter untergebracht, während sie bei der Arbeit war. Der
neueste klatsch war schnell erzählt, er hörte seit dem 2. Satz gar nicht mehr
zu, seine Gedanken waren wo anders. Irgendwie drang ein Satz jedoch zu ihm
durch. Meine Mutter meinte du solltest dich endlich zusammenreißen, sie musste
das früher auch, sie hatte es ja noch schwerere damals nach dem Krieg .... Den
Rest, von dem was seine Freundin von sich wiedergab, überhörte er wieder. Er
hasste dieses Gerede, warum konnte die Alte nur meckern wen er nicht dabei war?
Aber vielleicht hat sie ja recht dachte er bei sich, vielleicht sollte er sich
endlich zusammenreisen und das zu tun wovon er die ganze Zeit träumte und von
dem er dachte das es das Beste führ ihn und alle beteiligten währe.
Der Abend war schnell vorbei. Etwas ferngesehen kaum geredet. Seine Freundin
ging mit dem kleinen ins Bett und er blieb auf seinen Sofa liegen. Er hatte
versucht mit ihr zu sprechen, ihr zu erklären was in ihm vorging was ihm
beschäftigte das er nicht mehr weiter könne und was er vorhat. Es brannte
förmlich auf seiner Seele, jedes mal als er versuchte das Thema zur Sprache zu
bringen blockte sie ab oder er bekam zur Antwort wie schwer sie es selbst hätte
, wie hart ihr Tag war usw.. Er wollte dann nicht mehr darüber reden da er merkte
dass es sie gar nicht interessierte. Auch wollte er sie irgendwie nicht noch
zusätzlich belasten. Er blieb noch eine weile liegen und setzte sich dann vor
seinen PC. Er kannte einige Leute aus dem Internet mit denen er über so manches
“ reden “ konnte. Nur nicht das was ihm wirklich auf der Seele brannte. Wie
sollte er auch einem praktisch unbekannten davon erzählen können. Er wusste dass
es ohnehin niemand verstehen würde. Wen würde es auch interessieren von
irgendeinem Fremden seine Problemchen erzählt zu bekommen? Er hatte es versucht,
er hatte zu einigen sehr großes Vertrauen gefasst ihnen alles erzählt weil er
einfach nicht mehr weiter wusste. Es ging auch einige Zeit gut dann kam es wie
er befürchtet hatte, eine hat den Kontakt zu ihm aufgegeben, gerade die an der
ihm am meisten gelegen wahr, der nächste konnte sein verdammtes Maul nicht
halten und hat vieles weiter erzählt. Er war sauer enttäuscht und wusste dass
er damit recht hatte niemanden vertrauen zu können. Schließlich war es ja nicht
das erste mal das er von so genanten Freunden enttäuscht wurde. Aber das ihm das
jetzt auch im Internet passiert war hat ihm doch etwas mitgenommen. Er schwor
sich nie wieder soweit jemanden an sich herabzulassen dass dieser ihm in
irgendeiner weise verletzten konnte. Er ging nur noch ins Internet um sich über
die verschiedenen Vor und Nachteile der Suizid Methoden zu informieren. Er
lernte dabei sogar etwas Englisch da die besseren Seiten leider in Englisch
verfasst waren. Es wahr inzwischen 2 Uhr Morgens geworden, er wahr müde konnte
aber nicht schlafen. Er saß vor seinem PC und sah zu wie sich andere über die
langweiligsten Dinge unterhielten. Er öffnete eine Schublade seines
Schreibtisches und nahm die Schachtel mit den Schlaftabletten heraus. Er nahm
ein paar und schluckte sie mit einem Rotwein hinunter.
Es war bereits Nachmittag als er aufwachte. Er versuchte aufzustehen, konnte
sich aber kaum auf den Beinen halten. Selbst nach dem zweiten Kaffe ging es ihm
kaum besser. Er schleppte sich vor seinen PC und merkte das er ihn gar nicht
abgeschaltet hatte. Irgendwie fehlte ihm die Erinnerung an letzte Nacht. Der
Beipackzettel seiner Schlaftabletten fiel ihm wieder ein. Er suchte die
Schachtel und fand sie leer. Irgendwie hatte er in der Nacht wohl die ganze
Schachtel leer gemacht. Er wurde wütend sehr wütend auf sich selbst. Langsam
wurde ihm klar dass er eigentlich nur wütend war weil er wieder aufgewacht war.
Er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und legte sich wieder auf sein
Sofa. Mit dem Gedanken dass es das nächste mal klappen könnte schlief er wieder
ein. Die Tage vergingen einer wie der andere. Manchmal wachte er wieder sehr
spät auf und fand dann eine oder mehrere, ganz oder teilweise, geleerte
Schachtel. Er verbrachte viel zeit im Internet, immer Nachts wen er nicht
schlafen konnte. Er wusste inzwischen sogar das man aus so einfachen dingen wie
Apfelkernen oder Aprikosenkernen Cyanid herstellen konnte. Alleine an der
Umsetzung haperte es noch. Er war inzwischen fast besessen von dem Gedanken
daran zu sterben. Er machte seiner Freundin gegenüber immer wieder bewusst oder
unbewusst Andeutungen die sich nicht zur Kenntnis nahm oder nehmen wollte. Er
informierte sich immer mehr über die verschiedenen Möglichkeiten sich selbst zu
töten. Das suchen und übersetzen gab ihm einen Sinn der ihm von seiner
Verzweiflung und seinen Selbstvorwürfen ablenkte. Irgendwann musste er erkennen
dass es keine 100% Methode gibt. Selbst die anscheinend sicherste Methode war
Statistisch gesehen nur zu 97% sicher. Mit jedem Tag der verging wurde er
wütender da er wusste das immer etwas schief gehen kann, und der Gedanke daran
irgendwann unfähig selbst zu handeln gefangen in einen Körper der unfähig
geworden ist sich selbst zu richten, dahinvegetierend, zu enden schreckte
ihn ab. Nur die Hoffnung eines Tages den besten Weg zu sterben zu finden und
dann auch die Kraft aufzubringen es durchzuziehen lässt ihn jetzt noch von
seinem Sofa aufstehen.